Foto Kopfbereich
» Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit den Menschen, welche dem Leben seinen Wert geben. «

W. v. Humboldt

Schrift vergrößern

 

 

 

 

 

 

 


 

Arbeitslose in die Altenheime

Stellungnahme von Pflege-SHV zum Beschluss der Bundesregierung, Langzeitarbeitslose als Alltagsbegleiter für Menschen mit Demenz einzusetzen.

Im August 2008 wurde das Pflegeversicherungsgesetz um den § 87b, Abs. 3erweitert. Demnach kann eine Einrichtung für 25 Menschen mit Demenz, zusätzlich zum vereinbarten Stellenschlüssel, je eine Betreuungskraft einstellen. Die Kosten dafür werden von der Pflegekasse übernommen. Hintergrund dieser Regelung war ein Übereinkommen mit der Bundesagentur für Arbeit, Langzeitarbeitslose für bestimmte Begleitdienste zu qualifizieren und als zusätzliches Personal in der Pflege einzusetzen. 160 Stunden theoretische Unterweisung und ein 3 Wochen Praktikum sind als Qualifizerungsmaßnahme vorgesehen. Mehr Informationen finden Sie z.B. in diesem Internetblog

Unsere Stellungnahme  Oktober 2008
Menschen mit Demenz benötigen sehr viel mehr Zuwendung und Begleitung, als mit der üblichen Personalbesetzung in den Einrichtungen gewährleistet werden kann. Die Stellenschlüssel berücksichtigen den hohen Zuwendungsbedarf dieser Kranken nicht. Nur Einrichtungen, die dieses Manko durch geeignete Konzepte und/oder die Einbeziehung zahlreicher Angehörigen und Ehrenamtlichen ausgleichen, können den Bedürfnissen Demenzkranker gerecht werden. In der Mehrzahl der Heime werden diese Bewohner medikamentös so eingestellt, dass sie wenig Arbeit machen. Dort sitzen sie mehr oder weniger stumpfsinnig und desinteressiert herum.

Anstatt die Grundlagen für eine ausreichende Personalbesetzung in den Heimen zu schaffen, gehen die Bestrebungen verstärkt in Richtung Kompensation durch Ehrenamtliche, 1€-Kräfte bzw. Arbeitslose. Insofern muss diese Maßnahme kritisch hinterfragt werden. Letztlich geben die für die Personalschlüssel Verantwortlichen mit der Förderung dieser Maßnahme zu, dass die Heime personell unterbesetzt sind, mithin eine angemessene Betreuung der demenzkranken Bewohner in den Einrichtungen der BRD ohne zusätzliche Hilfskräfte nicht gewährleistet ist. Eine offene Auseinandersetzung mit dieser strukturbedingten Mangelsituation findet jedoch nicht satt. Vielmehr versucht die Politik, wie auch die meisten Heimträger, die beklagenswerte Situation herunterzuspielen, nicht zuletzt aus Angst vor unabsehbarer Kostensteigerung.

Generell ist nichts gegen den Einsatz von Arbeitslosen oder anderen Hilfskräften zu sagen, dies kann durchaus eine für alle Parteien sinnvolle Maßnahme sein. Bei bestimmten Eignungsvoraussetzungen und fachkundiger Anleitung spricht nichts dagegen, arbeitslose Frauen und Männer mit einer zeitweiligen Begleitung zu betrauen. Die Mehrzahl der Demenzkranken wird ja schließlich auch von Angehörigen komplett alleine zu Hause betreut. Von diesen fordert auch niemand eine 3-jährige Fachausbildung. Hier sollte man tatsächlich die Kirche im Dorf lassen und jeden freundlichen Mitmenschen willkommen heißen, der sich bereitwillig für diesen Hilfsdienst meldet. Ein Bewohner mit Demenz freut sich erfahrungsgemäß über jeden Menschen, der sich für ihn interessiert und in verständnisvoller Weise mit ihm befasst. Wer keinen Kontakt zu einem Demenzkranken herstellen kann, wem das Einfühlungsvermögen fehlt, der wird sich freiwillig aus diesem Dienst wieder abmelden. Insofern sehe ich hier wenig Gefahr, dass die vom Arbeitsamt empfohlenen Frauen und Männer größeren Schaden anrichten könnten, als es andere Ehrenamtliche oder Hilfskräfte tun, von denen die wenigsten fachlich vorbereitet wurden. Die von der BA für diese Betreuung vorgesehenen HelferInnen sollen ja immerhin 160 Stunden Vorbereitung erfahren. Damit sind diese besser vorbereitet, als ungezählte Pflegemitarbeiter, Zivildienstleistende, Praktikanten und Ehrenamtliche, die ohne jede fachkundliche Vorbereitung in den Heimen tätig werden.

Ehrlich wäre, wenn Politik und Heimträger zugeben würden, dass der übliche Personalschlüssel nicht ausreicht, um den Demenzkranken medikamentöse Ruhigstellung ersparen zu können. Es spricht grundsätzlich nichts dagegen, dass Heime sich um freiwillige Helfer bemühen. Ganz im Gegenteil! Jeder weiß, dass Ehrenamtliche oft kritischer sind als die Mitarbeiter im Angestelltenverhältnis. Diese können schließlich keinen Arbeitsplatz verlieren, wenn sie Kritik üben. Unter den heutigen Rahmenbedingungen, müssten sich die Heime im Interesse einer menschenwürdigen Betreuung Demenzkranker verpflichtet fühlen, die nicht bedarfsgerechte Personalbesetzung mit freiwilligen HelferInnen aufzubessern. Auch in Zukunft dürfte es kaum möglich sein, für jede Handreichung bezahlte Fachkräfte einzusetzen. Wer das glaubt, der weiß die Zeichen der Zeit nicht zu deuten. Der Anstieg der Demenz wird uns in vielerlei Hinsicht nötigen von den üblichen Standards abzuweichen und ungewöhnliche Wege zu gehen.

Dennoch kann diese Initiative bestenfalls als kurzfristige Notlösung akzeptiert werden. Keinesfalls sollte daraus ein Dauerzustand werden, weil das Kreise in die falsche Richtung ziehen würde.

Beispiel: Laut Pressebericht des BA sind "bei den Agenturen und ARGEn zur Zeit ca. 35.000 Altenpfleger und Altenpflegehelfer arbeitslos gemeldet, 63.000 Menschen aus diesen Berufen sind als arbeitssuchend registriert,  die man verstärkt in diesem Bereich vermitteln will."

Alleine diese Zahlen stellen das gesamte System in Frage.

Woran liegt es, dass es für eine solch hohe Zahl ausgebildeter Fachkräfte keinen ihrer Ausbildung angemessenen Arbeitsplatz gibt? Waren/sind diese Pflegekräfte zu kritisch? Haben sie die krankmachenden Arbeitsbedingungen nicht ausgehalten? Sind sie frustriert ausgestiegen, weil sie keine Chance sehen ihren Beruf so auszuüben, wie sie das gelernt haben und wie sie es mit ihrem Gewissen vereinbaren können? Sind sie zu alt und darum für den Arbeitsmarkt zu teuer? Oder werden einfach nur ungelernte Hilfekräfte bevorzugt, da diese weniger kosten und sich problemloser anpassen? Es wäre fatal, wenn es zur Gewohnheit würde arbeitssuchendes Fachpersonal auf diese Weise mit Billiglohnjobs abzuspeisen. Leider sind kurzsichtige Kompensationsbemühungen solcher Art typisch für die Politik. Die negativ Kreisläufe, die dadurch in Gang gesetzt werden, bilden dann den Stoff für die nächste Regierung. Wir plädieren für eine Politik, die sich nicht damit begnügt neue Löcher aufzureißen um alte zu stopfen. Wir plädieren für eine Politik die in größeren Zusammenhängen denkt und sich um langfristig sinnvolle Lösungen bemüht.


Erfahrungen von und mit Alltagsbegleitern