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Von der „Routinepflege" zur Pflege des Menschen

„Obwohl Münchens Kommunalpolitiker seit acht Jahren – einig wie sonst selten bei einem Thema – für bessere Pflegebedingungen in den Altenheimen kämpfen, bleibt ihnen der Erfolg versagt.", so die Einleitung im Beitrag von Sven Loerzer, in der Süddeutschen Zeitung vom 13.06.2005, über den aktuellen Jahresbericht der Münchener Beschwerdestelle und Heimaufsicht. Demnach wurde in keinem der 73 geprüften Heime optimales vorgefunden, sondern überwiegend „Routinepflege", vielfach an der Grenze zur gefährlichen Pflege. OB Christian Ude erklärte dies mit den durch die schlechten Rahmenbedingungen diktierten Zeitdruck, der „zu Lieblosigkeit und routinemäßiger Schnellerledigung", führe. Angesichts der demographischen Entwicklung und der Fortschritte in der Medizin dürften sich die Probleme noch verschärfen, so seine Prognose. Nicht zu unrecht, kritisiert er die Problemverdrängung auf bundespolitischer Ebene.

Der Begriff „Routinepflege", für den man in Nachschlagewerken keine Definition findet, steht für einen Alltag, der sich an täglich wiederkehrenden Aufgaben orientiert, die es möglichst reibungslos zu erledigen gilt. Dazu zählt an erster Stelle die körperliche Grundversorgung der Pflegebedürftigen; namentlich die Körperpflege, An- und Auskleiden, Hilfe beim Aufstehen und Hinlegen oder zur Toilette, Inkontinenzversorgung, Versorgung mit Essen und Trinken, Betten machen, Zimmer aufräumen, Medikamente richten und verabreichen, Verbandswechsel und andere Verordnungen, die Lagerung von Dekubitusgefährdeten und nicht zuletzt die Dokumentation, die in den letzten Jahren einen übergroßen Raum eingenommen hat. Im Vordergrund steht die Erledigung bestimmter Funktionen und nicht der einzelne Bewohner/Patient. Dieses sog. Funktionspflegeprinzip wurde bis in die 80iger Jahre ausschließlich und heute verstärkt wieder in Krankenhäusern und Kliniken praktiziert. Da die leitenden Pflegekräfte in den Altenheimen zunächst alle aus dem Krankenhausbereich kamen, wo sie bis in die 80iger Jahre nichts anderes kennen lernen konnten als diese Praxis, wurden die Altenheime über mehr als drei Jahrzehnte nach dem Vorbild der Krankenhausstationen gebaut, eingerichtet und organisiert. Und obschon die negativen Seiten dieser Organisation längst bekannt sind und bessere Organisationsformen erforscht wurden und umgesetzt werden, hält sich dieses funktionalistische Schema hartnäckig. Es gibt noch nur verhältnismäßig wenige Einrichtungen und Krankenhäuser, die konsequent nach einem ganzheitlichen Prinzip organisiert sind, bei dem Pflege in erster Linie an den individuellen Bedürfnissen, Gewohnheiten und Erfahrungen der Patienten/Bewohner orientiert ist.

Die sog. Bezugspflege – ist die von mir seit vielen Jahren favorisierte und in vielen Einrichtungen erfolgreich erprobte Organisationsform. Wie der Name schon sagt, steht hier die pflegerische/menschliche Beziehung im Vordergrund (Beziehungspflege könnte man stattdessen auch sagen). Jeder Patient/Bewohner erhält eine Pflegekraft als Hauptbezugsperson, die sich persönlich kümmert und darauf achtet, dass dem individuellen Anliegen so weit als möglich entsprochen wird. Bei der Funktionspflege müssen sich die Pflegenden nicht für einzelne Patienten/Bewohner persönlich zuständig fühlen, sondern für die korrekte Ausführung bestimmter Funktionen. Der Patient/Bewohner muss dabei seine Bedürfnisse zurückstecken und warten bis er an die Reihe kommt. Immer noch findet man Stationen/Wohnbereiche in denen es üblich ist, dass die Pflegenden im ersten Zimmer anfangen und sich bis zum letzten Zimmer vorarbeiten; ungeachtet ob der Mann im letzten Zimmer schon lange wach liegt und auf Hilfe wartet, während die Frau im ersten Zimmer gerne noch länger geschlafen hätte - um nur ein Beispiel zu nennen. Allerdings ist es seltener geworden, dass bestimmte Routineabläufe jeden Tag gleich ablaufen. Es kommt hier sehr auf die Personen an. Je nach dem wer Dienst hat und welche persönliche Einstellung der einzelne Mitarbeiter einbringt oder wie die Personalsituation insgesamt aussieht, kann es auch vorkommen, dass heute diese und morgen jene Schwerpunkte gesetzt werden. Auch das ist problematisch, speziell für Menschen mit Demenz. Tatsächlich kommt der Organisation wiederkehrender Abläufe eine hohe Bedeutung zu. Mit ihr steht oder fällt oft der beste Vorsatz zur individuellen Betreuung. Zu starre Muster (bis dann muss das erledigt sein) sind hier ebenso hinderlich, wie das Fehlen eines zeitlichen und inhaltlichen Rahmens.

Wenn der Münchner Oberbürgermeister angesichts des o.g. Berichtes feststellt: „Es gibt keine beglückende Verbesserung der Lage, sondern nur eine Stabilisierung der Lage auf niedrigem Niveau", d.h. auf Routinepflegeniveau, muss man dies nicht resignierend zur Kenntnis nehmen. Denn die Ursachen dafür sind bekannt und es wäre aus unserer Sicht weniger ein Frage des Geldes als der Einstellung, ganzheitliche Organisationsformen einzuführen.

Die Tatsache, dass trotz besseren Wissens überwiegend funktionalistische Arbeitsweisen vorherrschen und es selbst bei Ansätzen in die andere Richtung häufig zu Rückfällen in das bekannte Organisationsschema kommt, lässt sich erklären: Pflegende die in der Praxis nicht die Erfahrung machen konnten, dass bei einem gut eingeführten Bezugspflegesystems eine ganze Menge Arbeit gar nicht erst anfällt, weil sich die Bewohner weniger schwierig verhalten und im Schnitt selbstständiger bleiben, können sich das nicht vorstellen. Weil sie es sich nicht vorstellen können, finden sie zig Gründe die gegen eine Umstellung der funktionalistischen Organisationsform sprechen. Tatsächlich gibt es nur einen Grund, nämlich fehlende Vorstellungskraft oder Erfahrung mit einem ganzheitlichen Konzept - in Kombination mit der Macht der Gewohnheit.

Einzelne Pflegekräfte in einem Team, die versuchen neue Ideen und ihre positiven Erfahrungen mit anderen Organisationsformen einzubringen, haben nahezu keine Chance. Mitarbeiter, die sich der vorherrschenden Stationsordnung nicht ohne Murren und Klagen anpassen können, haben einen schweren Stand. In keinem Bereich wird so stark gemobbt, wie in der Pflege, so auch das Ergebnis einer Studie, die im vergangenen Jahr in Bonn gemacht wurde. Selbst Stations-/Wohnbereichsleitungen, die frisch von der Weiterbildung kommend, ihre Station umkrempeln wollen, haben keine Chance, wenn es ihnen nicht gelingt, lang gediente Mitarbeiter von den Vorzügen dieser Änderungen zu überzeugen. Auch Pflegedienstleitungen stehen hier auf verlorenem Posten, wenn sie denken, Kraft ihres Amtes, grundsätzliches im Arbeitsauflauf durchsetzen zu können. Ich habe schon viele erlebt, die mit großem Elan daran gegangen sind, und es schließlich aufgegeben mussten. Auch ich bin bei meinen langjährigen Bemühungen mehrfach an Grenzen gestoßen. Diese Grenzen wurden nicht von der Politik, nicht von den Kassen oder sonstigen äußeren Umständen gesetzt, sondern immer von einzelnen Personen in den Einrichtungen. Meistens waren dies Leitungskräfte, die nur halbherzig das Vorhaben unterstützten, sich selbst nicht am Trainingsprogramm (Schulungsmaßnahmen) beteiligten, weil sie meinten wichtigeres zu tun zu haben. Es lag auch selten an der Personalsituation, wenn der Erfolg ausblieb, denn hier haben alle Einrichtungen so knapp wie möglich kalkuliert. Im Übrigen, ist ein höherer Personalschlüssel und Fachkraftanteil, keine Garantie für eine höhere Qualität.

Wie kann man die hier angesprochenen Hindernisse am ehesten überwinden?

Antwort:

Durch ein geeignetes Umstrukturierungs- und Qualitätssicherungskonzept, hinter dem die Hausleitung steht. Entscheidende Voraussetzung dafür ist eine klare, konkrete Zielvorstellung. Wie bei der Planung eines Neubaus oder Umbaues, muss man vorher festlegen wie man das Gebäude im Einzelnen haben will. Zwischendrin kann man vielleicht noch die ein oder andere Änderung veranlassen, aber niemand käme doch auf die Idee einen Bauunternehmer zu beauftragen, bevor die Baupläne stehen. Personalentwicklung und die Entwicklung von Arbeitsablaufstrukturen überlässt man hingegen mehr oder weniger der Sozialdynamik. Mitarbeiterfortbildungen werden meist nach dem Gieskannenprinzip organisiert, bei der Themenwahl geht man nicht in erster Linie vom möglichen Nutzen für Mitarbeiter und Bewohner aus, sondern orientiert sich hauptsächlich an den aktuell angesagten Themen. Inzwischen wird eine ganze Menge Geld für Fortbildungen ausgegeben, doch mit welchem Effekt? Man gibt den Fortgebildeten oft noch nicht einmal Gelegenheit, die neuen Erkenntnisse mitzuteilen, geschweige denn, dass sie die Chance hätten, diese in die Praxis umzusetzen. Nehmen wir das Beispiel „Expertenstand Dekubitusprophylaxe": Wenn man alleine die Investitionskosten in Schulungsmaßnahmen bundesweit hochrechnen würde, zu denen Einrichtungen durch diesen einen Standard verpflichtet waren, ein mehrstelliger Millionenbetrag würde hier zusammenkommen. Die Entwicklungskosten für den Standard kämen noch dazu. Doch weniger Dekubitusfälle gibt es seither nicht. Trotz dieser Erfahrung investiert man munter weiter in diese Richtung.

Will man auf ein höheres Qualitätsniveau kommen und dabei zugleich Kosten sparen, dies wäre ein positiver Nebeneffekt,  bedarf es einer tragfähigen Gesamtkonzeption der betreffenden Einrichtung, die bis auf die Handlungsebene durchdacht ist und in die alle MitarbeiterInnen einbezogen werden. Wie in der freien Wirtschaft üblich, müssten MitarbeiterInnen zielgerichtet geschult und unterstützt werden, je nachdem welche Schwierigkeiten vor Ort bestehen. Nicht nur Beschwerden von Bewohnern sondern auch von Mitarbeitern müssen ernst genommen werden. Gerade jene, die man als besonders lästig empfindet, erweisen sich bei näherer Betrachtung oft als in der Sache weiterführend - wenn man sie denn aufgreift. Wertvolle Ressourcen die „schwierige" Bewohner/Angehörige oder Mitarbeiter haben, bleiben ungenutzt, weil ihre Ideen und Hinweise zurückgewiesen werden, anstatt sie aufzugreifen. Und dann wundert man sich, dass am Ende alle lustlos sind. Die BewohnerInnen, weil sie sich nicht verstanden, nicht integriert und gewürdigt fühlen. Die MitarbeiterInnen, weil sie sich ein Bein ausreißen und es trotzdem kaum schaffen, wenigstens dem Satt-Sauber-Sicher Prinzip zu entsprechen.

Mehr als „Routinepflege" kann bei näherer Betrachtung aus unserer Erfahrung den meisten Einrichtungen bundesweit nicht bescheinigt werden. Wenn man aus dem Raum München im Moment gehäuft Negativberichte hört, so liegt das daran, dass in anderen Kommunen weniger offensiv mit der Problematik umgegangen wird.

Das größte Hindernis auf dem Weg zu einer gesünderen Pflegelandschaft ist, dass nicht Wahrhabenwollen der Probleme. Kommunen wollen erst gar nicht wissen, was genau hinter den Fassaden der Einrichtungen in ihrer Region abläuft. Und wenn etwas durchsickert, wird es als bedauerlicher Einzelfall abgetan.

Bedenklich ist auch die Zweizüngigkeit, mit der Trägerorganisationen agieren: Einerseits wird jedem potentiellen Kunden optimale Betreuung und Pflege versprochen – schauen Sie sich die Prospekte und Internetpräsentationen an. Andererseits jammern sie den Politikern und Kassen  die Ohren voll und setzen diese unter Druck, weitere Gelder locker zu machen, weil sonst nicht einmal sichere Pflege gewährleistet werden könne. Wie passt denn das zusammen?

Empfehlung an alle Kommunen:

Nehmen sie sich ein Beispiel an München und stellen sie sich der Problematik, bevor sie davon in die Knie gezwungen werden.

Pflege wird zur Armutsfalle, so die Worte des Sozialforschers Klaus Kortmann, der sich dabei auf Zahlen aus Bayern stützt. Bereits heute beziehen in Bayern mehr als 35 000 Menschen über 65 Jahren vom Sozialamt Hilfe zur Pflege, da sie die Kosten für ambulante Dienste oder Heimpflege trotz Pflegeversicherung nicht bezahlen können. Wer die Statistiken über die zu erwartende Zunahme der chronisch Kranken und Langzeitpflegebedürftigen kennt, kann sich ausrechnen, wie die Belastung in 10 oder 20 Jahren aussehen wird.

Am gleichen Tag erschien die Meldung, dass die Ausbildungsraten in den Berufen Krankenpflege um 19 % und in der Altenpflege um 8% rückläufig sei – bezogen auf Nord-Rhein-Westfalen. Auch hier bahnt sich eine schwierige Entwicklung an, wenn nicht an geeigneter Stelle gegengesteuert wird.

pflege–shv  2005

 

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