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Zwischen Anspruch und Wirklichkeit liegen oft Welten
Eine Altenpflegerin, Mitglied im Pflege-SHV reagierte 2006 mit folgenden Zeilen auf die
Mindestforderungen die Claus Fussek an Heime stellt (bezogen auf ihren gegenwärtigen
Arbeitsplatz) wörtlich:
Es ist nicht möglich
,
dass einem sterbenden Bewohner die Hand gehalten wird.
Es ist nicht möglich, dass sich jemand mal 10 Minuten ans Bett setzt und mit den
oft verzweifelten Bewohnern spricht.
Es ist nicht möglich, dass die Bewohner 1 x in der Woche an die frische Luft
kommen .
Es ist nicht möglich, dass die Bewohner ein Vertrauensverhältnis zu den
Pflegekräften aufbauen, da diese ständig wechseln.
Es ist nicht möglich, dass qualifizierte Gespräche mit Angehörigen geführt
werden.
Es ist nicht
möglich
, dass jemandem mal einfach 10 Minuten was vorgelesen wird, zugehört wird oder einfach jemand da ist.
Es ist nicht möglich
, dass
auch nur ein Mindestmaß an sozialer Zuwendung stattfindet.
Es ist nicht möglich
, dass die Akten der
Pflegedokumentation korrekt geführt werden.
Es ist nicht möglich
, dass die Bewohner
wöchentlich gebadet werden.
Es ist nicht möglich
, dass die Bewohner in
angemessenen Zeitabständen gelagert werden, zur Verhinderung von Dekubitus.
Es ist nicht möglich
, dass mit Bewohnern
Bewegungsübungen gemacht werden, zur Verhinderung von Kontrakturen.
Es ist nicht möglich
, ein verschmutztes
Bett unverzüglich zu beziehen.
Es ist nicht möglich
, jemanden bei Bedarf
schnell zur Toilette zu führen.
Es ist nicht möglich
, wenn jemand klingelt,
binnen 10 Minuten dort zu sein.
Es ist nicht möglich
, in einer ruhigen
Atmosphäre und in angemessener Geschwindigkeit dem Bewohner Nahrung einzugeben.
Wie soll dies auch gehen,
wenn für 35 Pflegefälle nur 3 Kräfte pro Schicht da sind? Das heißt für jeden 12 Pflegefälle zu versorgen. In der
ambulanten Pflege werden Angehörige bewundert, die über Jahre hinweg einen Angehörigen pflegen. Wir sollen dies bei
12 Menschen machen. Das regt zum Überlegen an. Auch unter der Berücksichtigung, dass wir ausgebildet sind, ist dies
ein Unding. Alle diese Dinge haben wir in der Ausbildung gelernt. Ich selbst habe früher im Büro
gearbeitet und habe mich bewusst für die Altenpflege entschieden. Ich habe während meiner Ausbildung viele wertvolle
Anregungen bekommen, wie man für die Betroffenen den Heimaufenthalt, der die letzte Stufe des Lebens darstellt,
angenehm gestalten kann. Es wurde von Duftölen, basaler Stimmulation, Entspannungsübungen, von bewohnerorientierter
Pflege, den Bewohnerbedürfnissen, von gymnastischen Übungen, von psychologischer Betreuung gesprochen. Leider ist
NICHTS von alle dem auch nur im Ansatz anwendbar. NICHTS! Warum haben wir es gelernt??? Wie man Windeln wechselt und jemanden den Löffel in den Mund schiebt, dazu genügt ein
Wochenendkurs."
Soweit eine Stimme aus dem Lager der Praxis. Sie ist mit Sicherheit nicht
die Einzige die sich fragt, warum der Altenpflegeberuf einen so hohen theoretischen Anspruch hat, wenn in der Praxis
kaum ein Bruchteil des Gelernten angewendet werden kann. Auf der anderen Seite steht das Bestreben, die Pflegeberufe auf
Hochschulniveau zu bringen. Wenn es nach einzelnen PflegeprofessorInnen ginge, müsste Deutschland dem Beispiel einiger
anderer Länder folgen, in denen die Qualifikation für einen Pflegeberuf an der Universität erworben wird. Dass sich
auch in diesen Ländern eine ähnlich dramatische Entwicklung abzeichnet, Mangelversorgungen, fehlendes Personal,
schlechte Bezahlung, steigende Pflegekosten etc., wird dabei übersehen. Dass Führungsqualifikationen an Hochschulen
vermittelt werden oder Pflegeforschung dort etabliert ist, macht Sinn. Aber auch hier sollten Politik und andere
Geldgeber darauf achten, dass die Investitionen in diesen Bereich an der Basis Effizienz zeigen und das
Kosten-Nutzenverhältnis stimmt. Momentan interessiert sich dafür offenbar noch niemand. Näheres zu diesem Thema finden Sie hier.
Personalsituation:
Auch wenn die Erfahrung dieser Altenpflegerin
sicherlich nicht auf jede Einrichtung übertragbar ist, drückt der Bericht doch im Wesentlichen das aus, was viele
Kolleginnen und Kollegen erleben. Die Kluft zwischen Theorie und Praxis ist wirklich kaum in Worte zu fassen. Selbst in
Einrichtungen in denen die Bedingungen deutlich besser sind als in der oben beschriebenen, gehen Pflegekräfte häufig
mit dem Gefühl nach Hause, ihrem eigenen Anspruch nur zum Teil entsprochen zu haben, weil für mehr keine Zeit war.
Drei Pflegekräfte für 35 pflegebedürftige Bewohner, von denen die meisten dement sind, ist eine Überforderung für
jeden. Da können Sie jeden Qualitätsstandard vergessen. Ein solcher Stellenschlüssel ist indiskutabel, aber nicht
außergewöhnlich.
Damit wären wir bei einem Dauerthema in der Pflege, dem der angemessenen und
bezahlbaren Personalbesetzung. Denn sobald professionelle Pflege erforderlich wird, wird es teuer. Die Personalkosten
sind in der Tat der Hauptfaktor, der die Pflege so teuer macht. Gut zweit Drittel der Heimkosten sind Personalkosten.
Darum sind Heimbetreiber in der Regel hier besonders sparsam. Solange sich niemand beschwert und die Mitarbeiter die
Lücke durch schnelleres Arbeiten und Überstunden einigermaßen kompensieren, besteht die Tendenz eine freigewordene
Stellen unbesetzt zu lassen. Oft heißt es bei Rückfragen, wann denn die neue Kraft kommt, man bemühe sich, habe aber
noch niemanden gefunden. Manchmal trifft dies tatsächlich auch zu. Pflegekräfte, stehen nicht Schlange vor
Einrichtungen, schon gar nicht vor solchen die den Ruf haben, ihre Mitarbeiter auszunutzen.
Beispiel für Personalproblematik
und Personalberechnung
Doch
abgesehen davon, was ist eine ausreichende Personalbesetzung? Ist das nicht eine sehr Subjektive, eine Ermessensfrage.
Tatsächlich kann man hier erleben, dass drei Personen, die aufeinander eingespielt sind und sich auskennen, mehr auf
die Reihe bringen, als 6 Personen, die sich gegenseitig behindern, weil keiner weiß, was der andere gerade vorhat, oder
die sich in Kaffeepausen verquatschen etc. Darum ist es tatsächlich schwer, hier Zahlen vorzuschreiben. Vielmehr
plädieren wir dafür, die Personalbemessung individuell an der Mitarbeiterauslastung/-belastung zu orientieren und
natürlich am Ergebnis, d.h. an der Qualität der pflegerischen Betreuung. Die Organisation und personelle Besetzung
sollte in der Verantwortung des Heimbetreibers bleiben. Darum sollte sich der Staat nicht kümmern, sondern darum, dass
die Menschen die dort Leben und Arbeiten menschenwürdige Bedingungen haben und die versprochenen Leistungen auch
erbracht werden. Wie das Heim dies bewerkstelligt, sollte den hierfür verantwortlichen überlassen bleiben. Um dies
sicher zu stellen, wäre eine ganz andere Art von Qualitätssicherung und Kontrolle erforderlich. Mehr dazu an anderer Stelle.
Maßnahmen zum Abbau der Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit,
sind zugleich Maßnahmen zum Abbau der Frustration, der Fluktuation und Krankheitsrate. In dem Maße, wie es
MitarbeiterInnen möglich ist, so zu arbeiten, dass sie das Gefühl haben können, den Patienten/Bewohnern wirklich
geholfen zu haben, wächst auch die Zufriedenheit. Es ist toll zu beobachten, wie kreativ Pflegekräfte oder andere
Mitarbeiter werden können, wenn man sie lässt. Auch Patienten/Bewohner verhalten sich gleich ganz anders, wenn sie
eine Atmosphäre vorfinden, in der sie ihre Ideen und Fähigkeiten einbringen können.
Empfehlungen von Pflege-shv zur Angleichung von Anspruch und
Wirklichkeit:
>>Orientierung an praktischen Vorbildern anstatt an weit hergeholten Modellen,
Theorien oder Ideologien, die sich allenfalls mit zusätzlichen Investitionen oder Subventionen umsetzen lassen. Wir wollen Einrichtungen mit vorbildlichen Konzepten vorstellen, die nicht teurer sind
als andere.
>>Einführung verbindlicher Qualitätsstandards und
regelmäßige Evaluation der Praxiserfahrungen, in die alle MitarbeiterInnen, auch Auszubildende, einbezogen werden.
Nicht nur wenn eine Zertifizierung der Einrichtung geplant ist, sollte überprüft werden inwieweit die
Soll-Vorstellungen mit dem Ist übereinstimmt.
>>Mit einem sinnvollen, auf das Wesentliche konzentrierten,
Qualitätssicherungssystem, lassen sich Anspruch und Wirklichkeit zusammenbringen. Die schönsten Leitbilder von
Einrichtungen nützen nichts, solange ihre Umsetzung nicht bis auf die Handlungsebene bedacht ist.
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