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Wenn  statt Zuwendung  Medikamente gereicht werden! 

Erfahrungsbericht einer Angehörigen, der zugleich einen typischen "Gerontopsychiatrisierungsprozess" beschreibt

Eine Angehörige/gesetzliche Betreuerin wandte sich vor einigen Monaten in ihrer Verzweiflung an den Verein ALZheimer-ETHik e.V., da dieser als einziger die übliche  Medikamentenpraxis in der Behandlung von Demenzkranken kritisiert.  Frau Demski, die 1. Vorsitzende riet u.a. dazu, den Hergang und die Medikation genau zu dokumentieren.  Mit ihrem und dem Einverständnis der Autorin stellen wir diesen Bericht ein - als ein dokumentiertes  Beispiel für eine übliche Behandlungspraxis.  Zugleich ist dies ein Beispiel für die schädigende, teure und experimentelle Medizin –  wie man sie vornehmlich gegenüber "schwierigen Patienten" anwendet. 

Hier nun die Beschreibung der Odyssee des  demenzkranken  Herrn M. (64 Jahre) und seiner Lebenspartnerin und Betreuerin   durch Krankenhäuser, Spezialkliniken,  Altenheime und Wohngemeinschaft einer deutschen Großstadt und ihrer Umgebung.  Die von der Verfasserin namentlich genannten Kliniken,  Einrichtungen, Ärzte und andere Personen wurden in dieser Veröffentlichung anonymisiert.

Station 1:   Klinikum      ( 12 Tage)

Am 15.10.04 griff mich mein Lebensgefährte, Herr M, der mich sehr gern hat und ich ihn auch, aus mir sehr verständlichem und  nachvollziehbarem Grund tätlich an. Ich bekam Angst vor ihm und wusste mir keinen anderen Rat, als den Notarzt zu rufen. (Zu dieser Reaktion kam es, weil er sich total nass gepieschert hatte und  in seiner Erschrockenheit und Hilflosigkeit auch noch  in diese Nässe hinein getreten ist. Als er das merkte, wurde  er aggressiv und wütend.) Da auch der Notarzt ihn nicht beruhigen konnte, kam er ins Klinikum, Gerontopsychiatrische Station, behandelnder Arzt Herr Dr. J. Er stellte die Diagnose Lewy-Body-Demenz  und mein Lebensgefährte bekam folgende Medikamente:

Quentiapin (Seroquel)  25 – 0 – 25 mg       Enalapril (Xanef) 5mg: 1 – 0 – 0 mg

Station 2:   Heim D  (renomiertes  Altenheim, gilt als 5 Sterne Haus)    (3 Monate)

Am 27. 10. 04 zog Herr M ins Domizil. Er konnte zu diesem Zeitpunkt einem total normalen Tagesablauf folgen, konnte allein bleiben, aß seine, von mir hingestellten und vorbereiteten Brötchen und trank alle ihm hingestellten Getränke. Er konnte selbstständig mit dem Löffel seine Nahrung aufnehmen. Er ging auch selbstständig zur Toilette – wenn er sie dann fand. 

All unsere Unternehmungen machte er mit, fuhr mit mir mit der U-Bahn und dem Dampfer – (Alles, was ich hier aufzähle, war vor dieser Odyssee auch  möglich.) Er ist sogar mit anderen Bewohnern des Heims einmal schwimmen gegangen (in ein öffentliches Schwimmbad. Man brauchte ihn damals eigentlich nur behutsam zu begleiten – Baden, Anziehen, Rasieren und die Nahrung mundgerecht hinstellen, die Toilettengänge begleiten, damit er gar nicht erst in Schwierigkeiten kam!

In dem Heim lag die Misere an dem wenigen Fachpersonal, an der Überbelegung (40 Bewohner auf einer Station). So lange ich jeden Tag ab mittags auf der Station war, habe ich diese Lücken ausgefüllt. Aber als ich dann 3 Wochen zur Kur fuhr, hat man ihn nach meiner Rückkehr an die „Luft“ gesetzt, in dem man mir eine vorgefertigte Kündigung vorgelegt hat.

Station 3:  In der eigenen Wohnung  - ambulante Pflege  ( wenige Tage)

Am 1.Februar gingen wir dann mit Sack und Pack nach „Hause“. Ich habe mich dann sofort mit einem Pflegedienst in Verbindung gesetzt. Als dieser seinen ersten Dienst verrichtete, Herrn M morgens aus dem Bett holte und in einem Kommando-Ton die Grundpflege durchführen wollte, ist Herr M so ausgerastet, dass er einen Stuhl nach der Pflegekraft  geworfen hat. Sie verließ  fluchtartig das Haus. Dann ging er auf mich los. Aus dieser Not heraus rief ich den psychiatrischen Dienst, der ihn erneut in das Klinikum brachte.

Station 4:  Klinikum   - zweiter Aufenthalt    (ca. 3 Wochen)

Medikation  bei der Entlassung am 02.März 2005 :

Trazodom (Thombran)              100 – 100 – 0 – 100 mg

Rivastigmin (Exelon Saft)          3 – 0 – 3 – 0 mg

Quetiapin (Seroquel)                 25 – 0 – 25 – 50 mg

Zopiclon (Ximovan)                  0 – 0 – 0 – 7,5 mg

Metoprololsuccinat (Beloc zoc) 1 – 0 – 0 – 0

Bei Aggressivität 1mg  Lorazipan (Tavor Expidet) max. 3x tägl.

Auch hier wurde er meistens 3 Punkt fixiert im Bett. Sitzend auf dem Sessel ebenfalls.              

Station 5:  Heim S   (12 Wochen)

In den darauf folgenden 12 Wochen in diesem zweiten Heim  hat Herr M folgende Medikation bekommen:        

Seroquel, Beloc-Zok, Exelon 2mg, Distraneurin, Pantozol 20mg, Zopiclon 7,5mg und

die Bedarfmedikation  „Tavor“ wurde von  1mg bis auf 8mg gesteigert.

Alle 12 Wochen ist Herr M bis zu 20h/Tag mechanisch fixiert im Bett und teilweise auf einem Sessel fixiert gehalten worden.

Am 11.05.05 erster Arztbesuch von Dr. L., Medis umgestellt – Herr M auf Video aufgenommen, ohne dass ich als Betreuerin um Erlaubnis gefragt wurde. Mein „Entsetzen“ wurde kommentiert, mit den Worten: „Das machen wir immer so. Wir benötigen doch Unterlagen für den Neurologen Dr. L.“   Vom Neurologen angeordnete Medikation:

  Risperdal          1 – 1 – 1

  Tavor               2 – 1 – 2

  Distraneurin     5 – 5 – 5

  Zopiclon           7,5 mg

  Pantozol           20 mg

Mit Genehmigung von Dr. J. wurde Beloc zok abgesetzt.

Mit diesem Tablettencocktail wurde B  immer lauter und unruhiger. Er wurde schreckhaft und die Angstzustände wurden immer heftiger. Während der 20 Stunden am Tag im Bett fixiert, saß er im Bett, rüttelte am Gitter und schrie und rief unverständliche Worte – wenigstens 13 Stunden lang. Wenn er auf war, war er sehr gangunsicher und sie fixierten ihn wieder auf dem Sessel oder sperrten ihn in sein Zimmer ein, damit er sich selbst und andere nicht gefährde!!

Auf alle meine Einwände wurde ich zurechtgewiesen mit den Worten, ich solle Vertrauen haben, sie hätten Erfahrung mit dieser Erkrankung und die Patienten, die sie auf diese Weise behandelt hätten, würden jetzt ganz zufrieden auf dem Flur laufen.

Station 6 :   Fachklinik S   (4 Wochen)

Am 13.Mai kam Herr M dann in die Fachklinik S  zum Ausschleichen von Tavor:

Am 16.05. bestand die Medikation aus folgendem:

Tavor 1 – 1 – 1 

Timonil 300mg             

Pantozol  40     

Zopiclon 7,5mg

19.05.05 :   Timonil ret. 150   1 – 0 – 1          

Thombran 50     1 – 0 – 1

Seroquel 25       1 – 0 – 1        

Tavor   1,0        1 – 1 – 1

Beloc-Zok,

Pantozol

03.06.05 : Beloc-Zok         ½  - 0 - 0

                   Patozol morgens 20mg

                  Timonil retard  abends 300mg   

                  Tavor 0,5 – 0,5 – 1mg

                   Zyprexa 5 – 0 – 0 – 5, 

04.06.05 :Beloc-Zok morgens ½  

                  Patozol morgens 20mg

                   Timonil retard  abends 300mg   

                  Tavor 0,5 – 0,5 – 1mg

                   Zyprexa           5 – 5 – 0 – 5

Nach und während dieses Cocktails fand ich ihn immer rufend auf dem Fußboden (auf dem Krankenhausflur) vor. Einmal kniete er vor einem Sofa und wollte seinen Kopf auf das Sofa legen, selbst das gelang ihm nicht........!! Wundgescheuerte Handgelenke „verrieten“ mir, dass sie ihn nachts wieder fünfpunktfixiert hatten!!! Auf meine Frage, Wieso? wurde mir immer gesagt, dass er aggressiv sei und sie das Personal schützen müssen. (Seine Aggressivität bestand vor allem darin, dass er gegenüber Pflegekräften, die ihn  ohne die nötige "mentale" Vorbereitung anfassten um z.B. die Windel zu wechseln, handgreiflich wurde. Dies ist nur allzu verständlich, wenn man bedenkt, dass dieser Mann, bis zu seiner Krankheit, in verantwortlicher Position als Geschäftsmann tätig war und nun erlebt, wie "junge" PflegerInnen ihm ungefragt einfach die Hose herunterziehen.)

Meine Einwände und Besorgnis wurden nicht ernst genommen, stattdessen erklärte man mir, ich  sollte ihn nicht so oft besuchen und verwöhnen, sie würden ihn „ Heimreif machen“

(Die Betreuerin erklärte:  Nach dieser Auseinandersetzung mit dem Chefarzt und der Stationsleitung, wollte ich nur noch eines, meinen Lebensgefährten aus dieser Umgebung herausholen.  Schließlich fand ich ein Fachpflegeheim, mietete dort sofort ein Zimmer und beauftragte einen Krankentransport, der Herrn M vom Krankenhaus dort hin brachte.)   

Station 7:    Psychiatrisch – Geriatrisches Fachpflegeheim   (2 Tage)

Am 09.06.05 verließ  Herr M also  "auf eigenen Wunsch" das Fachkrankenhaus S und wurde in ein Pflegeheim einquartiert, das laut Angabe auf psychisch veränderte alte Menschen  spezialisiert war.   Hier bekam er die gleiche Medikation wie zuletzt im Krankenhaus weiter (und  reagierte auf unpassendes Verhalten der Pflegekräfte ähnlich aggressiv wie im Krankenhaus). In der zweiten Nacht kam es zu einem Zwischenfall, der die Nachtwachwache  (1 Pflegekraft für drei Etagen) veranlasste, Herrn M ins Psychiatrische Krankenhaus zwangseinweisen zu lassen. Man habe ihn, einen dementen Menschen in Panik,  wie schon mehrfach zuvor in die Zwangjacke gezwängt.  Nachträglicher Kommentar der Heimleitung zu dem Vorfall: „Dumm gelaufen“.

Station 8:  Psychiatrisches Krankenhaus R   ( 5 Tage)

Am 11.06.05 , 2 Tage nach Einzug in das vorgenannte Heim,  wurde  Herr M um Mitternacht in das Psychiatrische Krankenhaus R  gebracht. Die diensthabenden Ärzte setzten sofort

Zyprexa und Timonil  ab

nur noch 0,3 – 0,3 – 0,3 Tavor.

In den folgenden Tagen  ging es Herrn M so wunderbar, er konnte einige Worte sagen, selbstständig trinken und aß eine vollständige Mittagsmahlzeit. Er freute sich über die Ansprache der anderen Patienten, lachte wieder und fühlte sich wohl. Er konnte die „Kommandos“ besser umsetzen und konnte sich auch richtig auf einen Stuhl setzen.

Unter Zyprexa und Timonil setzte er sich immer neben die Sitzgelegenheit und fiel zwangsläufig zu Boden.

Station 9:   Geronto-Psychiatrie  R   ( 5 Tage)

Am 16.06.05 wurde er auf die Geronto-Psychatrie desselben Krankenhauses verlegt,  der Arzt setzte sofort Tavor auf 1 – 1 – 1  an, und erst nach einem Anruf von mir bei der Ärztin vom WE entschied er  – mit Wahrscheinlichkeit veranlasst duch seine Kollegin – Tavor ganz abzusetzen. Er stellte neue Medikamente zusammen:        

Eunerpan  1 – 1 – 1 – 1 , Orfiril, Oxacepam, Beloc-Zok, Zopiclon, Risperdal

die Dosierung hat er mir nicht verraten............!

An diesem Tag quälte sich Herr M sehr unter dem parkinsonschen Syndrom – aber nur mit dem rechten Bein.

Ich fand ihn immer schlafend auf dem Sessel vor – die Lippen spröde, den Mund ausgetrocknet, fast nicht ansprechbar.

Station 10:   Kurze Verschnaufpause in der eigenen Wohnung

Am 21.06.05 nahm ich Herrn M schließlich aus diesem  Krankenhaus mit nach Hause.

Während der Autofahrt trank er wie ein Verdurstender!!!!!!!!!! (aus der 1,5 Liter Flasche)

An diesem Tag hatte er nur morgens seine Medikamente bekommen. Er durfte einen wunderbaren Tag erleben, wo er viel gelacht hat. Er genoss sichtlich auch den Blick aus seinem Wohnzimmerfenster auf die nahe Birke und die weite Umgebung. Ich gab ihm viel Wasser zu trinken, ohne Kohlensäure, welches er mit großem Appetit getrunken hat.

Ich suchte den Neurologen in der Nachbarschaft auf, dem per Fax die bisherige Medikation bekannt war.  Er verordnete eine  Schlaftablette. Ca ¼ bis ½ Stunde nach der Einnahme dieser Schlaftablette, nach 18 Uhr , erlitt B, im Bett liegend, einen epileptischen Anfall. (Später las ich, dass epileptische Anfälle als Nebenwirkung dieser Schlaftablette möglich sind.)

Station 11:  Krankenhaus G

Am 21.06.05 , unmittelbar nach diesem Anfall,  kam Herr M mit dem Notarzt in das Krankenhaus G.

Am 22.06.05 morgens, zweiter epileptischer Anfall.       Blasen-Katheter!!

Medikation in diesem Krankenhaus:       Orfiril   -  Rivotril  -  Pantozol

Wie ich ihn an diesem Tag besuchte, saß er im Bett und weinte!!!!!!! Mit dem Einsetzen des Blasen - Katheters hatte man ihn wieder „vergewaltigt“ und keine Rücksicht auf seine Demenz genommen!!!!!!

Donnerstag, den 23.06.05 , bei meinem Besuch  machte Herr M  einen guten Eindruck, er lachte sogar und bekam von mir sehr viel Wasser gereicht.

Station 12:  erneut  Klinikum    ( 3 Wochen)

Freitag, den 24.06.05, wurde Herr M wieder  ins Klinikum  zu Herrn Dr. J verlegt.

Es folgte ein sehr schönes WE, selbstständig getrunken, Zeitung geblättert, sehr wach!!

Medikamentöse Behandlung erst ab Montag den 27.06.05

Neuer Mediplan:

                        Orfiril               300 – 300 – 0 – 300 mg

                        Rivotril             1 – 0 – 0 – 1 mg

                        Beloc zoc         47,5 – 0 – 0 – 0 mg

                        Thrombran       50 – 05 – 50 – 25

                        Exelon              1,5 – 0 – 1,5 – 0 mg

                        Kalinor             1 – 0 – 0 – 0 Brause Tablette

                        Amoxillin          1000 – 0 – 0 – 0  mg

                        Tragmin           0,25 ml gegen Thrombose

Aussage von Herrn Dr. J.: Orfiril und Rivotril möchte er am liebsten sofort ausschleichen, ging dann aber ab Montag, den 04.07., in Urlaub.

Am 4. Tag nach dieser Medikation ist Herr M nicht wieder aus dem Bett gegangen. Nur noch geschlafen. Zu wenig Flüssigkeitsaufnahme. 5. Tag schon leichten Dekubitus, starke Schleimbildung, viel gehustet. Keine Dekubitus verhindernden Maßnahmen!!!!

Sonntag, den 03.07.05 , Dekubitus am Gesäß, beide Fersen, an der rechten Ferse eine riesige Blase

Druckstellen von der Fixierung. Sehr starke Hustenanfälle und Schleimbeförderung. Blaseninfekt!!! (Antibiotikum wurde gegeben)

Montag Fax an den Oberarzt. Besprechung, Fixierung abgelehnt!!!!

Dekubitusmatratze wurde sofort bestellt.

Exelon und Thombran wurden abgesetzt.

Mein Gefühl: Orfiril wurde erhöht!!!!!! Zum Abendessen  werden 600 mg verabreicht!!!

Aus dem Klinikum ist er mit den Worten entlassen worden: Kein Dekubitus !!!!!

Bei der abendlichen Versorgung in der WG  packten wir den bandagierten rechten Fuß aus !! Die ganze rechte Ferse – total schwarz – im Klinikum wurde der Dekubitus nicht behandelt!!!!!!

Station 13:  Wohngemeinschaft für dementiell erkrankte Menschen    (ca 2 Monate)

Nach langem Suchen und auf besondere Empfehlung zog Herr M am 14. Juni  dann in eine speziell für Demenzkranke eingerichtete  Wohngemeinschaft, wo sich sein Allgemeinzustand jedoch weiterhin verschlechterte. Wir mussten die Flüssigkeit andicken und löffelweise reichen. Er konnte nicht mehr richtig schlucken. Eine Wundversorgung kam ins Haus, die die rechte Ferse von Herrn M behandelte und nach ca. einer Woche konnte die Hausärztin die abgestorbene Haut an der Ferse abtrennen.

Am  23. Juli wurde schließlich eine  Notfalleinweisung  ins   Krankenhaus  erforderlich, weil  Herr M in einer so schlechten Verfassung war, dass er zu ersticken drohte, röchelte und völlig  verschleimt war. Die Schluckstörungen  waren  so schlimm, dass er selbst die angedickte Flüssigkeit kaum noch schlucken konnte.   Der Arzt auf der Aufnahmestation sprach mich auf eine „Sonde“ an: „ob ich mir darüber schon einmal Gedanken gemacht hätte!“  Herr M bekam Infusionen, weil er ja auch viel zu wenig getrunken hatte. Man wollte ihn auf eine  Station legen, die wir bereits kannten und in unguter Erinnerung hatten.  Ich protestierte, auch, weil  dort frühestens in zwei Tagen (nach dem Wochenende) eine Antidekubitusmatratze hätte besorgt werden können und die alten Wunden noch nicht verheilt waren.  Nach einigen Diskussionen setzte der  Arzt dann das Orfiril ab und Herr M erholte sich in Sekundenschnelle, so dass er schon am nächsten Tag  wieder richtig essen und schlucken konnte und auch im Vergleich zu der Zeit davor sehr mobil war.  Da sich der Zustand binnen kurzer Zeit deutlich gebessert hatte, konnte er am Abend  wieder zurück in die Wohngemeinschaft gebracht werden. Herr M bekommt nur noch Beloc zok, Rivotril, ACC gegen den Schleim. 

Doch die Situation in dieser Wohngemeinschaft  wurde für ihn und mich von Tag  zu Tag unerträglicher.  So bestand die Leiterin z.B. darauf, dass auf ihrem Mediplan noch verordnete Orfiril weiter zu geben, sie fühlte sich nicht an die Anordnung des Krankenhausarztes gebunden – die ja auch für den Hausarzt bestimmt war – doch es war Wochenende.  

Die Unruhe von Herrn M, denke ich, entstand nur durch den schlechten Umgang mit ihm durch das Personal der Wohngemeinschaft. Im Badezimmer wurde er regelrecht „vergewaltigt“. Seinen total entzündeten Po, wurde mit einer „Allergie“ gegen die Windeln abgetan.

Wiederum musste eine andere Lösung gefunden werden.   Nachdem ich verschiedene Möglichkeiten einer Rund-um-die-Uhr-Betreuung  in der eigenen Wohnung  geprüft und organisiert hatte,  konnte   Herr M am 19. August aus der WG ausziehen. 

Ende dieser Odyssee:   Rückkehr in die eigene Wohnung

Seit  Freitag, dem 19. August, lebt Herr M in seiner eigenen  Wohnung, die groß genug ist, dass die beiden Pflegerinnen (Litauerinnen), die nun Tag und Nacht für ihn sorgen,  kochen, putzen, einkaufen etc. bequem dort wohnen können und sich mit dieser Aufgabe und in dieser Umgebung sichtlich wohl fühlen.  Sie haben den ganzen Tag Zeit, strahlen eine wunderbare Ruhe aus und zwingen Herrn M nichts auf. Inzwischen kennen sie seine Eigenheiten und auch er hat sich an die beiden gewöhnt und kann sich überall frei bewegen ohne zurechtgewiesen zu werden. 

Auf Grund seiner anfangs noch sehr großen ständigen Unruhe und Panikattacken bekam Herr M eine Depotspritze Haloperidol – 2 Stück in 14-tägigem Abstand  -  und Rivotril. Nach der 1.Spritze war eine deutliche Verbesserung zu spüren, das hielt jedoch leider nur sehr kurz an, so dass der Arzt meinte, es käme eben auf die Dosierung an und gab dann nach 2 Wochen noch einmal eine.  Haloperidol hatte natürlich jetzt die Nebenwirkung, dass B nicht mehr laufen kann und nur noch auf dem Sessel sitzt. Die Nächte gestalteten sich in einem seltsamen Rhythmus – 2 bis 3 Tage schläft er schon so gegen 21:00 bis morgens um 8:00 und dann kommt so eine „Ausreißernacht“, in der er immer wieder aufwacht und ruft bis ca. 2:00 Uhr nachts. In diesen besonderen Nächten probieren wir jetzt das bessere Einschlafen unterstützend mit einer Schlaftablette aus.

Nitrazepam AL 10 : Hiernach schlief er bis zum nächsten Mittag. In Zukunft bekommt er nur im äußersten Notfall ein halbe Tablette.

Seit Anfang September bekommt Herr M nur noch Rivotril -  das Medikament schleichen wir jetzt auch ganz aus und das Allgemeinbefinden von Herrn M  hat sich von Tag zu Tag gebessert. Er kann wieder richtig essen und trinken. Spricht wieder ein paar Wort mehr, macht ab und zu seine Späße und lächelt auch wieder. Seine Phasen des Rufens: Nachmittags 1 – 2 Stunden und immer, wenn er abends ins Bett gelegt wird, ruft er mindestens 2 Stunden. Alle drei Tage wacht er nach ca. 1 Stunde wieder auf und wird dann von den Pflegerinnen versorgt und beruhigt. Schläft dann wieder bis morgens durch. Nun probieren wir in diesen 2 bis 3 Ausreißernächten in der Woche eine Schlaftablette aus. Die Phasen des Rufens haben sich mit und ohne Medikamente nicht verschlechtert oder gebessert.

Ich denke, diese Einschlafprobleme liegen immer noch am Entzug!!!! Und an dem Erlebten – immer, wenn die Beine hoch gelagert werden (im Bett zwangsläufig), fängt er an zu rufen!!!!! Am Tage verändern wir seine Position – vom Rollstuhl auf das Sofa oder mit dem Rollstuhl vor das offene Fenster – so hat er schon, durch den wunderbaren Herbst bedingt, ein bisschen „Farbe“ bekommen!!! Schokolade, Kuchen oder Pudding werden zwischen den Malzeiten gereicht und immer wieder gerne angenommen. Herr M hat immer guten Appetit und hat regelrecht Freude am Essen!!!!!

Vormittags ist er in der Lage, ein bis zwei Mal durch sein großes Wohnzimmer zu laufen. 

Seit Montag, den 14. November, bekommt er keine Medikamente mehr – bis auf eine  halbe Schlaftablette im Bedarfsfall!!!

Zur allgemeinen Beruhigung, wenn er abends ins Bett geht, haben wir damit begonnen „Baldrian für die Nacht“  zu reichen, da er immer noch mehrere Stunden ruft, wenn er ins Bett geht. Die Wirkung war sofort zu spüren, da er schon eine Stunde nach dem Schlafengehen eingeschlafen ist.

Auch am Tage macht er einen ruhigen und zufriedenen Eindruck. Sein Allgemeinbefinden bessert sich täglich. Es gelang schon, sehr bewusst Bilder aus seiner Jugendzeit anzusehen, Mutter und Vater erkannte er.

Der Kampf für das Wohlergehen von Herrn M hat sich gelohnt – die beste Medizin für ihn ist eine ruhige, liebevolle Behandlung und seine Aggressivität ist wie weggeblasen. Sein Körper braucht sich nicht mehr mit Nebenwirkungen auseinandersetzen. Lebensqualität ist zurückgekehrt, darüber sind alle Beteiligten sehr glücklich.  


Auf meine Anregung hin, hat die Betreuerin des Herrn M  die Kosten  ermittelt, die während dieser  10 monatigen  Odyssee für die  Kassen (TechnikerKrankenkasse) und Privat  entstanden sind.  

Kostenaufstellung vom 16. Oktober 2004 bis 31. August 2005

Krankenkasse:     22.170€  nur für Krankenhausaufenthalte, ohne Hausarzt und Dekubitusbehandlung  

Pflegekasse:         14.200€   während der Heimaufenthalte  (Pflegestufe III) 

Privat, Herr M:     21.000€  Anteil der selbst zu zahlenden  Pflegeheimkosten bei Pflegestufe III -----------------------------------------------------------------

Gesamtkosten:     57.370€   

Stellt man dies Kosten ins Verhältnis zum Ergebnis der Behandlung und Pflege in dieser Zeit und vergleicht man dieses mit den aktuellen Kosten und Ergebnis, sollte dies mindestens den Krankenkassen zu denken geben.   Da wird ein  kranker Mensch der zuvor noch vieles selbst machen konnte und Lebensfreude empfand,  fast 10 Monate lang geknebelt und medikamentös ruiniert, bis er am Ende nur noch ein Häufchen Elend ist. Und für diese unnötigen Quälereien  zahlt die Kasse   rund 36.400  Euro an die betreffenden Einrichtungen.   Nun da dieser Mann wieder in seiner eigenen Wohnung leben darf, so gut wie keine Medikamente mehr benötigt und in wesentlich besserer Verfassung ist,   interessiert sich die Kasse verstärkt für die  Qualität der Versorgung und verlangt den Nachweis einer regelmäßigen Kontrolle durch einen ambulanten Pflegedienst, anderenfalls sieht sie sich berechtigt  die Zahlung des Pflegegeldes von 665€ zu verweigern. 

Die meisten anderen Kassen würden ebenso reagieren, entsprechend allgemeiner Regelung. Eine  Regelung übrigens, die von führenden Pflegefachkräften  ersonnen wurde, welche die Ansicht vertreten, dass eine Pflege durch nicht fachlich ausgebildete Frauen und Männer wenigstens  der Kontrolle  durch Profis bedürfe. Sofern es sich bei den Privatpflegenden etwa um  Osteuropäerinnen  handelt, ist die Skepsis besonders groß. Doch welche Alternativen kann das deutsche System anbieten, in Fällen wie z.B. diesem?  Ein  deutscher Pflegedienst bzw. deutsche PrivatpflegerInnen berechneten in diesem Falle  130 Euro pro Tag, im Monat  rund 4000 €, also vergleichbar der Heimpflege. Bei Herrn M kommt erschwerend hinzu, dass eine Pflegekraft  alleine leicht an ihre Grenzen geraten kann, da er sich nicht wie eine willenlose Marionette versorgen lässt, und mit Sicherheit wieder aufbrausen oder auch handgreiflich werden würde, wenn man ihn falsch anfasst.  Ein zusätzliches Risiko wäre auch der häufige Wechsel, der aufgrund der hier geltenden Arbeitsschutzbestimmungen anstehen würde. 


Kommentar:  A.v. Stösser

Die beste und kostengünstige Medizin ist liebevolle Zuwendung – speziell bei Demenzkranken!   Doch darauf sind die wenigsten Ärzte, Pflegekräfte, Fachkliniken, Heime und Pflegedienste ausgerichtet – außerdem ist Zuwendung nicht abrechenbar. 

Gefordert und gefördert  wird evidenzbasierte Schulmedizin, das heißt speziell solche Medikamente, die pharmakologisch aufwändig produziert  und  nach bestimmten Kriterien erforscht wurden.  Isoliert betrachtet  mag das jeweilige Mittel die beschriebene Wirkung nachweislich hervorbringen, doch wie sich das Medikament in Kombination mit anderen Wirkstoffen aus anderen Mitteln auswirkt, kann im Grunde kein Arzt voraussagen, weil Wechselwirkungen nicht erforscht werden.   Hier bewegt sich die Medizin in einem absoluten Experimentierfeld, dem der Kranke als Versuchskaninchen dient, ohne dass  eine systematische Ergebnissicherung derartiger Therapieversuche vorgenommen oder erwartet wird.  Ob Hausarzt oder Facharzt –  jeder zugelassene Arzt darf jedes zugelassene Medikament verordnen, ohne irgendjemandem Rechenschaft ablegen zu müssen, wenn sich unter seiner Anordnung der Zustand des Kranken verschlechtert.    Baldrian, Johanniskraut oder andere natürliche und bewährte Haus- und Heilmittel gelten als unzuverlässig oder unwirksam   oder können deshalb nicht über Krankenschein verordnet  werden, weil ihre Wirksamkeit nicht erforscht wurde. Die Pharmaindustrie hat wenig Interesse, altbekannte Naturheilmittel durch Forschung zu rehabilitieren. Und anderen fehlt das Geld zu den geforderten, aufwändigen Studien.   Mit  diesen Mitteln kann man keine großen Gewinne erzielen, da auf Naturprodukte kein Patent angemeldet werden kann.   Baldrian z.B. kann im Grunde jeder selbst anpflanzen und weiterverarbeiten.

In manchen Bereichen hat die Medizin in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte gemacht, in anderen tritt sie auf der Stelle oder  produziert chronische Krankheitsverläufe und Multimorbidität wie nie zuvor.  Dies betrifft insbesondere die Demenz, hier waren nach meiner Beobachtung manche Ärzte vor dreißig Jahren an Erkenntnis und Behandlungserfolgen  weiter, als es die meisten heute sind.  Wie   das oben Geschilderte deutlich macht, wurde in keiner Klinik/Krankenhaus, in das Herr M  wegen  Verhaltsauffälligkeiten eingeliefert worden war, nach den möglichen Ursachen im Umgang mit dem Kranken gefragt.  Die Betreuerin kam schließlich alleine darauf, dass offenbar ein Zusammenhang besteht zwischen der Art wie mit Herrn M umgegangen wurde und seiner Aggressivität.

Von den Fachleuten wurden sofort  und ausschließlich Medikamente eingesetzt, um den Mann verträglich zu machen. 

Diese Praxis, die ich selbst in den letzten dreißig Jahren immer wieder beobachtet habe, ist nach meiner Einschätzung zu einem Großteil mit an der beklagenswerten Situation in der Pflege schuld.    Ganz abgesehen von den Kosten, die gespart werden könnten, würden Patienten die Nebenwirkungen dieser Medikamente erspart.  

Im Dezember 2005 feiert die Forschungsgesellschaft für Gerontologie ihr 15-jähriges Bestehen, lese ich heute. Ich frage mich, was es hier zu feiern gibt, wenn man solche Ergebnisse sieht.  Wem haben die Forschungen dieser Gesellschaft  wirklich genutzt?  Was nutzen überhaupt die unzähligen Modelle und Studien, wenn sich niemand verpflichtet fühlen muss,  positive Erkenntnisse, die daraus gezogen werden können, zum Nutzen Demenzkranker einzusetzen.

Was wir stattdessen brauchten, wäre ein ergebnisorientiertes Gesundheitssystem. 


Anmerkung  Renate Demski,  ALZheimer-ETHik:

Dies ist kein Einzelfall, sondern erstmals „nur“ genau dokumentiert, was alzeth wiederholt gemeldet wird – Verschlimmerung der Demenz und ihrer Symptome durch „Behandlungen“ in Kliniken / Krankenhäusern / Heimen.

Der Lebensgefährtin von Herrn M herzlichen Dank für alle Mühe der Dokumentation!

Fazit aus meiner Sicht müsste sein:

1. Menschen mit Demenz (und ihren Angehörigen) ist keinesfalls zu empfehlen, in eine Klinik zur "Einstellung" zu gehen. Jeder Arzt - selbst in derselben Klinik - scheint nach seinem eigenen Konzept zu handeln. Rückmeldungen von Angehörigen werden kaum berücksichtigt. Allein schon die fremde Umgebung mit immer wieder wechselnden Gesichtern verunsichert Menschen mit Demenz.

2. Ambulanter psychiatrischer Dienst, der in der Lage ist, Konfliktsituationen per Handlung / Gespräch, nicht per Medikament vor Ort aufzufangen?

3. Prüfung / Schulung der menschlichen Qualitäten von Pflegepersonal?

4. Finanzielle Stärkung der häuslichen Pflege.

Sehr dankbar wäre ich Ihnen für die Mitteilung Ihres Lese-Eindrucks der Aufzeichnungen über Herrn M und der sich aus Ihrer Sicht daraus ergebenden Konsequenzen.  

siehe auch: 

Antwortbrief von Prof. Dr. med. Klaus Dörner, Psychiater 

www.alzheimer-alternativ-therapie.de

Siehe  zuwendungsorientiertes Pflegekonzept Gineste-Marescotti 

Lesen Sie hier einen Rundbrief der Ärztin Dr. Mechthilde Kütemeyer, über Erscheinungsbilder und Folgen der Behandlung mit Neuroleptika: Spätdyskinesien-Epidemie 


Kritische Literatur zur Medikamentenpraxis:

Bernd Kempker: Dem eigenen Ableben emotionslos zusehen – Psychopharmaka in Altenheimen. Hörkassette, Antipsychiatrieverlag 2000. Über die Hörkassette 

Peter Lehmann: Schöne neue Psychiatrie. Ein Doppelband, der die Gefahren aller Psychopharmaka auf dem deutschsprachigen Markt sowie des wieder verstärkt praktizierten Elektroschocks schonungslos und leicht verstehbar offenlegt und auf die spezielle Gefahr für alte Menschen eingeht. Über die beiden Bücher: 

Peter Lehmann (Hg.): Psychopharmaka absetzen. Erfolgreiches Absetzen von Neuroleptika, Antidepressiva, Lithium, Carbamazepin und Tranquilizern. Antipsychiatrieverlag, 2., überarbeitete und aktualisierte Auflage 2002. Über das Buch:  

 

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