Pflege-Selbsthilfeverband e.V.

 Initiative für menschenwürdige Pflege

Pflege-SHV


 

 

 

Aktuell

was uns bewegt

was wir wollen

was wir tun 

wer wir sind 

Angebote

Bücher  

Erfahrungsberichte       

Themen

Termine

TV-Presse

Mitglieder

Links

Verband

Kontakt

Impressum

 

  Forum  

 

 

 

Gewalt gegenüber pflegeabhängigen  Menschen

 Die Gewalt fängt nicht da an, wenn Kranke getötet werden.

Sie fängt an, wenn einer sagt: "Du bist krank. Du musst tun, was ich sage"

                                                                                                                                   Erich Fried

Beim Thema "Gewalt in der Pflege" denken die meisten spontan an schwere körperliche Misshandlungen, während die üblichen  Verhaltsmuster der  Entmündigung  als normale Begleiterscheinung  einer Abhängigkeit billigend in Kauf genommen werden. Schon der Begriff  Abhängigkeit  beinhaltet einen gewissen Verlust von Selbstständigkeit.  Das heißt, wenn ich  regelmäßig Hilfe bei alltäglichen Verrichtungen benötige werde ich  immer Abstriche hinnehmen müssen, weil ich nicht  erwarten kann, dass andere sich völlig in meine Bedürfnislage hineinversetzen und mir jeden Wunsch von den Augen ablesen.   Fremdbestimmtheit kann man nicht automatisch mit Gewalttätigkeit gleichsetzen, vielmehr gilt es hier zu differenzieren, zwischen einer "notwendigen" Fremdbestimmtheit - wie sie in der  Ersten Hilfe und Notfallmedizin z.B. regelmäßig anzutreffen ist und einer  willkürlichen  Fremdbestimmung aufgrund eines veränderten  Machtverhältnisses.    

Naturgemäß hat der  Helfer  gegenüber dem Hilfebedürftigen die stärkere Position, wodurch die Gefahr gegeben ist, diesen zu dominieren und gefügig zu machen. Das Sprichwort: "Bist du nicht willig, brauche ich Gewalt", drückt eine  Tendenz  vieler Menschen aus, die sich in einer Überlegenheitsposition befinden.  Die Gefahr, diese Überlegenheit gegenüber Schwächeren  auszunützen ist um so größer, je problembeladener der Helfer selbst ist.  Da  die Pflegenden sich  oft selber in einer schwierigen Lage befinden, sei es, weil sie als  pflegende Angehörige rund um die Uhr gefordert sind oder  zu wenig Personal da ist, um jedem gerecht werden zu können,  ist das Gewaltpotential in diesem Umfeld  hoch. Erschwerend wirken sich außerdem Beziehungsstörungen aus, wie sie nicht selten anzutreffen sind.  Bezogen auf die häusliche Pflege denke ich   hier z.B. an eine Tochter, die zeitlebens unter der Herrschaft ihrer Mutter gelitten hatte und nun, da diese von ihr abhängig ist dazu neigt, die Mutter für das ihr zugefügte Leid büßen zu lassen.  Wenn Angehörige Gewalt gegenüber einem pflegebedürftigen Familienmitglied ausüben, liegt sehr häufig ein gestörtes Verhältnis vor, unterschwellige Rachegefühle oder aber eine völlige Überforderung mit der aktuellen Situation.  Um dieses zu verhindern, wäre ein spezielles Angebot der  Prävention und Intervention erforderlich, welches heute nahezu nicht existiert.  Wenn Kinder verwahrlosen oder misshandelt werden, tritt das Jugendamt auf den Plan, sofern es Kenntnis davon erhält.  Stellt man Verwahrlosung oder Zeichen der Misshandlung  bei  pflegeabhängigen erwachsenen Menschen fest, müsste man sich an die Polizei  wenden, die auf diese Problematik jedoch so gut wie gar nicht vorbereitet sind.  Bevor in solchen Fällen eingeschritten wird, muss der Pflegebedürftige in einem so jämmerlichen Zustand sein, dass selbst jeder Laie erkennen kann, dass es sich hierbei  nicht um ein krankheitsbedingtes Erscheinungsbild handelt, sondern um grobe Misshandlung und Verwahrlosung.

Sicherlich gibt es in der häuslichen Pflege eine hohe Dunkelziffer der Gewalt, wie es eben auch viele Familien gibt, die heillos zerstritten sind und nicht in der Lage,  Probleme aus eigener Kraft zu meistern. Die überwiegende Mehrzahl aller Kranken oder Behinderten die von Angehörigen gepflegt werden, dürften sich jedoch glücklich schätzen, Teil einer Familie zu sein, die auch in schweren Zeiten zusammen hält und sich   um ein hilfebedürftiges  Mitglied  kümmert.  Immerhin werden rund 70 Prozent aller Bedürftigen von Angehörigen zu Hause betreut.  Doch wäre es völlig an der Realität vorbeigedacht, wenn man sich die häuslichen Pflegesituationen als eine Idylle vorstellt, frei von jeder Gewalt und Bevormundung.  Vielmehr halte ich es für  normal und auch wichtig, dass Angehörige  sich nicht völlig Vereinnahmen lassen und  Grenzen setzen. Nicht wenige Pflegebedürftige entwickeln sich zu wahren Haustyrannen, die  meine, alles müsse sich um sie drehen.  Da ist es verständlich, wenn dem Angehörigen mitunter der Geduldsfaden reißt und durchaus auch harte Worte fallen oder Entscheidungen über den Kopf des Kranken hinweg getroffen werden.   In jedem Falle stellt die  Pflegebedürftigkeit  eines Familienmitglieds eine Belastung  dar,  die je nach Personen und Umständen  einigermaßen gemeinverträglich gemeistert wird oder aber zu schlimmen Eskalationen führt.   

Anders als im  häuslichen Umfeld, muss sich der Bewohner einer Einrichtung  den Gegebenheiten dort anpassen. Im Heim  ist er einer unter vielen Bedürftigen die alle ein Anrecht auf individuelle Betreuung haben. Wer sich da besonders hervortut, sei es durch Forderungen, Unruhe oder  schwieriges Verhalten, läuft Gefahr - gewaltsam in die vorgegeben Schranken verwiesen zu werden.  Man spricht hier auch von struktureller oder institutioneller Gewalt.  

Das hohe Gewaltpotential in der Pflege steht in einem direkten Zusammenhang mit typischen Belastungen und Konflikten, die in diesem Bereich anzutreffen sind und die nicht  mit der nötigen Professionalität behandelt werden.  Selbst ausgebildete Pflegekräften wissen häufig nicht, dass sie es waren die das  "schwierige" Verhalten bei einem Bewohner ausgelöst haben. Weder  in der Theorie noch in der Praxis werden Pflegekräfte zur kritischen Reflektion angeleitet. Ganz selten erkennen Heim- und Pflegedienstleitungen die Notwendigkeit professioneller Hilfen bei Problemen mit Patienten/Bewohnern oder im Team. So müssen Pflegekräfte in aller Regel schauen wie sie alleine mit all ihrem Frust und Ärger klar kommen.  Kommt außerdem noch Zeitdruck dazu oder/und  private Probleme,  muss es nicht wundern, wenn  sich Pflegekräfte  im Ton vergreifen und ihren Unmut an denen auslassen, die sich am wenigsten wehren können.   

Gewaltprävention müsste bei den Ursachen ansetzen, also bei der Qualifikation und Unterstützung der Pflegenden, so dass diese in die Lage versetzt werden,  angemessen mit  schwierigem Verhalten von Patienten/Bewohnern oder Mitarbeitern/Kollegen  umzugehen.     Insgesamt müsste sehr viel mehr Wert auf    Beziehungspflege  gelegt werden.  Schließlich sind Menschen keine Versorgungsgegenstände,  keine  Autos oder Geräte, deren Sicherheit  per TÜV Plakette bescheinigt werden kann. In der Pflege hat man es mit  Menschen zu tun, und zwar nicht mit gesunden, selbstständigen, sondern mit Menschen die sich alleine schon aufgrund des Umstandes, Hilfe zu benötigen, in einer angespannten  Lage befinden.    Wer nie  erfahren hat, wie es ist, sich nicht mehr selbst waschen zu können,  jemanden rufen zu müssen  der einen zur Toilette bringt und vieles andere mehr, kann sich kaum vorstellen, wie sich jemand fühlt, der bei alltäglichen Selbstverständlichkeiten Hilfe braucht.  Besonders schwer zu verkraften ist diese Abhängigkeit, wenn keine Aussicht auf Besserung besteht, sondern Verschlechterung befürchtet werden muss.     

Pflegeeinrichtungen sind bewohnt von Menschen, die alle mehr oder weniger darunter leiden, nicht mehr Herr der Lage zu sein und keine Perspektive zu sehen. Viele ziehen sich völlig zurück und lassen alles gleichgültig über sich ergehen. Andere versuchen sich  noch ein Stück Selbstbestimmung zu bewahren  und sei es nur, indem sie das Essen ausspucken, wenn es ihnen zu hastig anreicht wird oder indem sie um sich schlagen, wenn eine fremde Person sie anzufassen versucht.  Solche Abwehrreaktionen sind verständlich, wenn man die Hintergründe kennt. Sie sind Teil von Gewaltspiralen, wie sie  sich in vielfacher Form täglich in Pflegeeinrichtungen abspielen und an deren Ende die völlige Abstumpfung ehemals engagierter  Pflegekräfte stehen kann,  die dann nicht mehr den Menschen sehen können sondern  nur noch nach Schema F funktionieren.    

Das beste Mittel gegen die Gewalt in der Pflege, ist die Vermeidung oder Durchbrechung der  Kreisläufe,  in die  Pflegebedürftige ebenso wie Pflegende  leicht hineingeraten.  Zu fordern wären hier vor allem: 

A) für pflegende Angehörige 

1. Unabhängige und ganzheitliche Beratung und regelmäßige Besuche der Beraterin/des Beraters  im Haushalt des Pflegebedürftigen,  um  Probleme frühzeitig erkennen und abstellen zu können.   

2. Ganzheitliche Unterstützungsangebote - statt der heute üblichen körperbezogenen "Modulpflege" 

B) für die professionelle Pflege     

1. Regelmäßige, psychologisch unterstützte  Reflektionshilfen  in  der  Praxis (Teamgespräche,    Supervision u.ä.

2. Verbesserung  psychosozialer Betreuungskompetenz durch zielgerichtete Angebote in der       Aus-, Fort- und Weiterbildung. 

3. Ausreichend  Personal, so dass Zeit für individuelle Zuwendung  vorhanden ist  und   Patienten/Bewohner nicht im Akkordtempo abgefertigt werden müssen. 

4. Mitarbeiterpflege:  Beziehungspflege und Burnoutprophylaxe   

5. Effektive Kontrollen von Leistungsanbietern 

siehe auch: Bericht von unserer Veranstaltung im Nov. 2006 in Neuss: Gewalt in der Pflege


Empfehlung / Links:

Im April 2006 hat der Landespräventionsrat NRW einen Leitfaden herausgegeben, den wir an dieser Stelle empfehlen:

"Gefahren für alte Menschen in der Pflege": Basisinformation und Verhaltenshinweise für Professionelle im Hilfesystem, Angehörige und Betroffene. 

Näheres zur Arbeit des Landespräventionsrates, der unsere Initiative unterstützt, finden Sie unter www.lpr.nrw.de . Dort kann der  Leitfaden  in größerer Stückzahl  als Broschüre angefordert werden.

Der Bonner Verein  Handeln statt Misshandeln - hsm -  unter Vorsitz von Prof. Hirsch, setzt sich seit Jahren für Gewaltprävention in der Pflege ein und steht Hilfesuchenden mit Rat und Tat zur Verfügung.  Auf der Homepage dieses Vereins finden sie weitere wichtige Informationen: www.hsm-bonn.de  

 

nach oben

 
Heimauszeichnung Pflege-SHV verleiht   "Auszeichnung menschenwürdige Pflege"
Schulnoten für Pflegeheime  Pflege-SHV kritisiert das  Benotungsystem 
Ratgeber für Heimplatzsuchende   Pflege-SHV unterstützt Ihre Suche nach einem guten Pflegeheim. 
Ambulant vor Stationär : In der Praxis ist es umgekehrt. 
Pflege auf Augenhöhe, Pflege-SHV wirbt für  neues Verständnis 
Pflegebedürfigkeit neu definiert:  Neues Einstufungsverfahren, statt 3 soll es künftig 5 Stufen geben 
Betreuungswillkür: Ohnmächtig einer Betreuungsbehörde ausgeliefert.
Pflegepolitik  Kurzsichtiger Aktionismus statt langfristiger Lösungen
Charta der  Rechte hilfe- und pflegebedürftiger Menschen  Pflege-SHV setzt sich für die Anerkennung dieser Charta ein. 
Pflegeweiterentwicklungsgesetz  Warum die Reform  an den Problemen vorbei zielt.  
Illegale Pflege: Reguläre Angebote zu teuer und wenig hilfreich.     
Personalabbau in Kliniken und Krankenhäusern  trotz steigender Anforderungen