Ruhigstellung
Medikamentöse Ruhigstellung betreuungsbedürftiger Menschen
Häufige Begleiterscheinung von Demenz sind Angst und Unruhezustände. Diese können bisweilen extreme Formen annehmen, so dass sich Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte nicht anders zu helfen wissen, als zu einem bewährten Medikament zu greifen. Verblüfft, von der meist sofortigen Wirkung, bleibt es in der Regel bei dieser Behandlungsform. Die schädigenden Auswirkungen bei einer Dauermedikation mit dieser Form der Verhaltensanpassung des Patienten an sein Umfeld, werden dabei billigend in Kauf genommen.
Ebenso bedenkenlos, wie wehrlose alte Menschen medikamentös gefügig gemacht werden, wird die Diagnose Demenz häufig gestellt. Dabei kann Verwirrtheit auch erklärbare andere Ursachen haben, wie z.B. Angst vor bestimmten Situationen oder Erinnerungen an schlimme Erlebnisse die plötzlich wieder aufbrechen (Retraumatisierung). Auch kann die aktuelle Lebenssituation, Vereinsamung, Enttäuschungen, das Gefühl unverstanden zu sein u.ä. einen so starken seelischen Stress verursachen, dass die Dinge des täglichen Lebens aus dem Blick bzw. durcheinander geraten. Nicht selten sind es jedoch Medikamente die Demenzsymptome erzeugen. Studien belegen einen viel zu hohen sowie oft auch unkontrollierten Medikamentenkonsum, gerade bei älteren Menschen. Vor allem stehen die Neuroleptika in der Kritik, denn sie verkürzen nicht nur die Lebenszeit, wie eine in 2009 veröffentlichte Studie bestätigt, sie berauben den Menschen der Fähigkeit Freude und Leid zu empfinden. Sie blockieren jede emotionale Regung. Auf Dauer eingenommen erzeugen insbesondere Neuroleptika, "Menschen die nicht mehr sie selbst sind". Es ist weniger die Demenz an sich, an der die Betroffenen, Angehörige, Pflegekräfte und Gesellschaft leiden, das Leidvolle daran sind vor allem die medikamentös hervor gerufenen Wesensveränderungen, ist der Anblick von Menschen, mit maskenhaftem, entstellten Gesichtszügen, Augen die ins Leere blicken, einem offenem Mund aus dem ständig Speichel läuft, die kraftlos und willenlos alles über sich ergehen lassen.
Walter Mette hat diese Chronik heimlicher Sedierung seiner Frau beschrieben und gegen Ärzte sowie das Heim Strafanzeige erstattet. In ähnlicher Weise dürfte das in den allermeisten Heimen ablaufen. Darum raten wir Angehörigen, Veränderungen zu beobachten und sofort zu reagieren. Rechtsverstöße dieser Art passieren vor allem deshalb, weil viel zu selten Anstoß genommen wird.
Hier ein gut dokumentiertes Beispiel für die stümperhafte, teure und schädliche Medizin, für die Hilfloskeit von Ärzten und Einrichtungen, die nichts anderes kennen, als verzweifelte Menschen medikamentös niederzuknüppeln.
Wohl dem, der Angehörige hat, die dem Kranken aus dem üblichen Teufelkreis schädlichen Medikation heraus helfen, wie in diesem Falle erfolgreich praktiziert.
Das es auch anders geht, zeigen z.B. die Erfahrungen des Haus unter dem Regenbogen in Teschau. - Dort werden mit erstaunlichen Erfolgen seit 15 Jahren - homöopathische Mittel eingesetzt. >Bericht.
Unser Mitglied Claudia H, machte mich auf dieses Haus aufmerksam. Lesen Sie hier, ihre Geschichte: Den Bericht einer Tochter (Betreuerin), die im Sommer 2010 mit ihrer 75jährigen Mutter quer durch Deutschland flüchten musste, um diese vor weiteren Schäden durch Neuroleptika schützen zu können.
In einem aufsehenerregenden Referat "Wenn Medizin und Pflege den Kranken kränker macht und wie man das verhindern könnte", habe ich 2004 Zusammenhänge aufgezeigt, die Richtungsweisend für Reformen im Gesundheits- und Pflegewesen sein müssten.
Auf der Seite www.alzheimer-alternativ-therapie.de finden Sie weitere Argumente gegen die gängige Medizin, durch die alles nur noch viel schlimmer wird.
Im Folgenden eine (gegoogelte) Auswahl von Veröffentlichungen die das Ziel haben, die Schäden der Psychopharmakamedikation aufzuzeigen und Auswege aus dem Dilemma dieser Behandlungspraxis zu entwickeln:
- Barmer Arzneimittelreport 2011, Endlich prangert eine Kasse Verordnungspraxis mit Neuroleptika an: "Scharf kritisierte Glaeske, der auch Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung ist, die zu häufige Verordnung sogenannter Neuroleptika zur Ruhigstellung altersverwirrter Menschen in Pflegeheimen. Diese Mittel, die eigentlich der Behandlung von Psychosen dienen, würden "mehr und mehr in Bereichen eingesetzt, wo sie nicht indiziert sind". Etwa jeder dritte Demenzkranke bekomme Neuroleptika, obwohl damit das Risiko eines vorzeitigen Todes steige. Gäbe es eine bessere Pflege, könnte die Arzneigabe um 20 bis 30 Prozent verringert werden, sagte Glaeske. Es handele sich um eine "Entwicklung, die mit einer Menschenwürde und einer vernünftigen Patientenversorgung nicht in Verbindung zu bringen ist", so der Forscher.
- Priscus-Liste potentiell inadäquater Medikation für ältere Menschen, erstellt von der Universität Witten-Herdecke 2010
- Arzneimittel Report Gemünder Ersatzkasse 2009 : "Demenzkranke erhalten überdurchschnittlich oft stark wirkende Beruhigungsmittel, sogenannte Neuroleptika. Und das, obwohl das die Krankheit verstärken oder sogar das Leben verkürzen kann. Doch anscheinend gilt in den Pflegeeinrichtungen der Wahlspruch: ruhig stellen – koste es, was es wolle."
- Medikamentenmissbrauch im Pflegeheim, WDR, Servicezeit
- www.ichwillmich.de Projekt zur Entmedikamentisierung psychisch kranker Menschen in einer Behinderteneinrichtung. Ich stelle mir vergleichbares für die Altenpflege vor.
- www.psychiatrie.de : Memorandum der DGSP zur Anwendung von Antipsychotika
- 10 Regeln für den Einsatz von Psychopharmaka von Dr.Perra und Detlef Rüssing
- Neuroleptika verdoppeln Sterberisiko Artikel in der Zeitschrift Focus
- Neue Studie Febr.2012: Haloperidol gefährlicher als andere Neuroleptika. Lesen Sie dazu auch den Kommentar im Ärzteblatt vom 24.02.2012.
- Neuroleptikabedarf bei Demenz überprüfen, Beitrag in der Ärztezeitung
- Atypische Neuroleptika weitgehend wirkungslos, Beitrag Ärzteblatt
- Verstärkung der Demenz durch Neuroleptika, bereits 1997 in einer Studie nachgewiesen. Dennoch werden diese bedenkenlos in großem Stil verordnet. Neuroleptika sind die Psychopharmaka mit der höchsten Umsatzrate, die der Pharmaindustrie jährliche Milliardengewinne einbringen.
- Seelische Verwundungen ohne Psychopharmaka nachhaltig heilen. Vortrag von J.Glaubrecht 2002
- Interview mit R.Whitaker: Psychopharmaka – Angriff auf die Menschenwürde.
- Kritische Betrachtung eines Psychotherapeuten, der die Vorteile ins Verhältnis zu den Nachteilen setzt.
- Früher Sterben mit Neuroleptika, Diskussionsbeitrag auf denkanstoesse.dgsp-ev.de
- Herzkrank durch Psychopharmaka (2011 - The Lancet -wissenschaft-online)
- Expertendialog zu Neuroleptika. Der Wissenschaftlicher und Psychiater Stefan Weinmann mit bemerkenswerten Forderungen zu einem Umdenken seiner Zunft
- Wie die Psychiatrie Geisteskrankheit erzeugt.
Warnung vor Neuroleptika wegen erhöhtem Sterberisiko. Auch diese in 2005 kurzzeitig für Schlagzeilen sorgende Meldung wurde schlicht ignoriert. FDA: Warnung vor atypischen Neuroleptika bei Demenzpatienten
"WASHINGTON. Antipsychotika werden in Pflegeheimen häufig zur Behandlung von „Verhaltensstörungen“ der Bewohner eingesetzt. Bei dementen Patienten erhöhen die neueren atypischen Neuroleptika jedoch das Sterberisiko, weshalb die amerikanische Zulassungsbehörde FDA jetzt eine „boxed warning“ verfügt hat. Betroffen sind Präparate mit den Wirkstoffen Aripiprazol (Abilify), Olanzapin (Zyprexa), Quetiapin (Seroquel), Risperidon (Risperdal®), Clozapin (Leponex) und Ziprasidon (Zeldox) die zu den atypischen Neuroleptika gehören. Eingeschlossen in die Warnung ist ferner das Präparat Symbyax®, das Olanzapin mit dem Antidepressivum Fluoxetin kombiniert (in Deutschland nicht zugelassen). Die Medikamente haben in den USA wie auch in Deutschland eine Zulassung zur Behandlung von Psychosen (Ausnahme: Symbyax® wird zur Behandlung der bipolaren Störung eingesetzt)..."
Weiterhin werden diese Mittel von Hausärzten wie von Fachärzten in rauen Mengen verordnet.
Grundlegende Informationen zu allen zugelassen Medikamenten finden medizinische Fachkräfte unter http://www.fachinfo.de/ Der medizinische Laien kann sich in verschiedenen Foren über Risiken und Nebenwirkungen angeordneter Medikamente informieren. Allerdings sind diese nicht repräsentativ, weil sich dort fast ausschließlich jüngere, selbstständige Menschen äußern, also solche, die sich noch äußern können. Alte Menschen, die gar nicht wissen, was sie schlucken und dem Arzt unkritisch vertrauen, sind die eigentlich betroffenen. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht und erkennen mögliche Zusammenhänge zwischen Medikation und Befindlichkeit nicht. Angehörige, sofern diese regelmäßig in Kontakt stehen, können die Wirkung noch am ehesten feststellen und benennen, wie dieses Beispiel zeigt.
Medizinische Laien, Angehörige/Betreuer finden demnächst auf dieser Seite wichtige Anhaltspunkte zur Erkennung von Medizinschäden.
Der Pflege-SHV beabsichtigt die Erstellung eines entsprechenden Ratgebers.
Wir wollen erreichen, dass Medikamente erst als letztes Mittel der Wahl zum Einsatz kommen. Es kann nicht länger hingenommen werden, dass mangels Zeit für eine menschlich und fachlich angemessene Betreuung, wehrlose Menschen medikametös zum verstummen gebracht werden.
Beispiele für diese unmenschliche und inkompetente Praxis in Kliniken, Krankenhäusern und Heimen - finden Sie unter Berichte
Bundesverfassungsgericht stärkt mit Urteil vom 23.März 2011 -2 BvR 882/09 das Recht Betroffener auf Ablehnung von medikamentöser Zwangsbehandlung
Vor allem folgende Begründung sollte grundsätzlich zum Maßstab richterlicher Entscheidungen werden, auch bei Menschen mit Demenz sowie älteren Personen die unter Betreuung stehen:
"Maßnahmen der Zwangsbehandlung dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie im Hinblick auf das Behandlungsziel, das ihren Einsatz rechtfertigt, Erfolg versprechen und für den Betroffenen nicht mit Belastungen verbunden sind, die außer Verhältnis zu dem erwartbaren Nutzen stehen. Sie dürfen nur als letztes Mittel eingesetzt werden. Eine weniger eingreifende Behandlung muss aussichtslos erscheinen. "
In der Praxis der Altenpflege und Gerontopsychiatrie sieht es derzeit noch genau umgekehrt aus. Siehe auch diese Grundpositionen des Pflege-SHV.
27.12.2011: Erstmals hat ein Gericht gegen die Praxis der nächtlichen Fixierung einer Pflegebedürftigen gestimmt. In einer Eilverfügung entschied das Amtsgericht Freiburg, dass eine individuell angemessene Betreuung (in diesem Falle eine Sitzwache) gewährleistet werden muss. Zeitungsbericht lesen
Aktuelle TV-Presseberichte zum Thema:
- Kneipp-Anwendungen statt Beruhigungspillen, Welt Online, 18.06.2012
- Pillen statt Pflege, SWR Fernsehen, 31.05.2012
- Pillen-Cocktail, SüdwestPresse vom 18.04.2012
- Wenn Pillen die Pflege ersetzen, Welt Online, 25.03.2012, Beitrag von Annette Dowidei
